Weniger Leser durch KI-Nutzung?
Seit ich häufiger mit KI arbeite, veröffentliche ich deutlich mehr Beiträge. Doch verändert das nicht nur meinen Schreibprozess, sondern vielleicht auch das Leseerlebnis? Ein selbstkritischer Blick darauf, wo KI hilft, wo ihre Grenzen liegen und weshalb der Mensch hinter dem Text entscheidend bleibt.
Claudia hat mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass die erhöhte Schlagzahl und Länge meiner Artikel mit (zu viel?) KI-Nutzung einhergeht. Sie wies mich auf bestimmte Textelemente hin, die einfach typisch für KI sind.
Jetzt bin ich nicht so unreflektiert, dass mir nicht durch den Kopf gegangen wäre, dass das Interesse an meinen Texten auch deshalb rückläufig sein könnte. Im Vergleich mit 2024 liegt heute die Zahl meiner monatlichen Artikel manchmal doppelt so hoch.
Liegt das nun daran, dass ich es mir einfach mache und die KI zur Generierung meiner Texte nutze? Teilweise sicher. Andererseits läuft das aber nicht so ab, wie man auf den ersten Blick vermuten möchte. Noch ist die KI, glaube ich, nicht so weit, dass sie auf Zuruf genau den Text erstellt, den ich – in Meinung, Haltung und Ton – veröffentlichen möchte.
Und doch meine ich festzustellen, dass es erstaunlich leicht ist, die KI anhand nicht einmal besonders umfangreicher Textpassagen sehr nah an das heranzuführen, was ich über einen Sachverhalt denke. Sie lernt zwar nicht dauerhaft aus meinen Texten im eigentlichen Sinn, kann aber innerhalb einer Unterhaltung meinen Stil, typische Formulierungen und wiederkehrende Argumentationsmuster erstaunlich gut aufgreifen. Gibt man ihr meine Website oder einzelne Artikel als Grundlage, entstehen Texte, in denen meine Perspektive überraschend deckungsgleich ist. Wer regelmäßig mit KI arbeitet, wird diesen Effekt kennen bzw. nachvollziehen können.
Gerade darin liegt allerdings auch eine Gefahr. Je besser die KI den eigenen Stil nachahmt, desto leichter entsteht die Illusion, man habe den Text im Grunde selbst geschrieben. Tatsächlich verschiebt sich aber der Schwerpunkt der Arbeit. Weniger Zeit fließt ins Formulieren, dafür umso mehr ins Prüfen, Umstellen, Ergänzen und Korrigieren. Vielleicht kann man sagen: Aus dem bisherigen Autor wird ein Redakteur eigenen Denkens.
Hinzu kommt etwas, das man leicht unterschätzt: Die Geschwindigkeit verändert das Schreiben selbst.
Früher ließ mich ein Gedanke manchmal mehrere Tage nicht los, bevor daraus ein Artikel wurde. Heute steht innerhalb einer Stunde ein fertiger Entwurf auf dem Bildschirm. Das ist bequem, birgt aber das Risiko, dass zwischen Idee und Veröffentlichung zu wenig Reifezeit liegt. Genau das war allerdings immer schon meine Schwäche. Ich habe keine Artikel im Backend, die auf Reife warten könnten. Mich beschäftigt ein Thema und schon schreibe ich los. Dabei weiß ich, dass nicht jeder spontane Gedanke dadurch gewinnen würde, dass er sofort veröffentlicht wird. Das war in meinem Bloggerleben allerdings noch nie anders. Bloggen hat für mich insofern seit jeher etwas Plötzliches, Spontanes und gerade das finde ich gut. Vielleicht gehört das sogar zum Bloggen elementar dazu?
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Nicht die KI entscheidet darüber, ob ein Text lesenswert ist, sondern der Mensch, der sie benutzt. Eine KI kann Informationen strukturieren, Formulierungen vorschlagen und sogar den eigenen Stil erstaunlich gut imitieren. Sie nimmt einem aber weder das Denken noch die Verantwortung für das Geschriebene ab. Die Haltung hinter einem Text kann sie nur spiegeln – entwickeln muss sie weiterhin der Autor selbst.
Soll ich weniger bloggen und stärker darauf achten, welchen Gedanken ich wirklich für veröffentlichungswürdig halte? Ehrlich, das wäre schwierig. Denn Leser kommen vermutlich nicht deshalb zurück, weil jeden Tag etwas Neues erscheint, sondern weil sie hoffen, dort etwas zu finden, das sie überrascht, zum Nachdenken bringt oder ihnen eine Perspektive eröffnet, die sie so noch nicht gesehen haben. Genau das kann mir auch die beste KI nicht abnehmen.
zuerst veröffentlicht: 1.07.2026 https://horstschulte.com