Vom Erklärbär zum Problembär: Bloggen mit 70+

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Manchmal fühlt sich das Internet mit all den Erklärbären an wie eine schlecht gealterte Party, auf der man seit 2003 hängengeblieben ist. Damals, als ich mich entschied, mitzumachen – vielleicht auch nur, um das zu verstehen, welches Potenzial dieser „neue“ digitale Wilde Westen eigentlich hat–, war die Welt noch eine andere. Oder zumindest bilde ich mir das ein.

Chronologisch war ich schon länger dabei und habe mit meiner ersten Website versucht, anderen Fragen rund um Office (Officetipps) zu beantworten und mit Windows-Kniffen im Allgemeinen hantiert. Unter dem Begriff „Blog“ konnte ich mir noch nicht wirklich viel vorstellen. Als Tagebuchschreiber sah ich mich nicht, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Inzwischen hat sich die Bloggeria fundamental verändert. Wer heute seine Meinung ins Netz stellt, muss damit rechnen, innerhalb von Minuten eine ganze Sammlung an Etiketten aufgeklebt zu bekommen. Antisemit, Sozialist, Nazi, Misanthrop und natürlich der Klassiker: der alte, weiße Mann. Es ist fast so, als gäbe es ein Sammelalbum für Schmähungen, und ich habe bald alle Sticker zusammen. Selbstverständlich ergibt sich allein aus der Tatsache, dass man alt, weiß und in gewissem Umfang privilegiert ist, eine eigene Sicht auf die Welt.

Zeitgeschehen und Sichtweise

Wer schreibt, wird Erfahrung, inkl. persönlicher Prägung, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hat, in Texten verarbeiten und in Teilen in Schleifen reproduzieren. Professionelle Beobachter des Zeitgeschehens sind da mit anderen Ansprüchen konfrontiert. Ich setze mich wie vor über 20 Jahren an den Schreibtisch und schreibe drauflos — häufig, ohne, dass ich mir groß überlegt habe, worüber ich schreibe und in welche Richtung mein Kommentar schlussendlich geht. Ich habe nicht wenige Artikel mit einer festen Haltung begonnen, um sie dann umzuschreiben und dem Text noch eine andere Richtung zu geben. Dass diese vielleicht etwas erratische Herangehensweise bei manchen Kopfschütteln auslösen wird, ist eingepreist.

Erklär- und Problembär

Dass Blogger im fortgeschrittenen Alter die Welt zwangsläufig mit ihren lebenslang gemachten Erfahrungen beschreiben, macht diese und ganz sicher mich (72) in den Augen mancher Kolleg*innen zum „Erklärbären“, eigentlich zum Problembären. In einer so aufgeklärten Zeit verhalten sie sich nicht so dynamisch und flexibel, wie viele es tun. Dass sie auf mich wiederum oft beliebig wirken, will ich nicht verschweigen. Alte Problembären dulden halt nichts Junges, Aufmüpfiges – eine schöne Legende, an deren Wirkung schon Sokrates mitgewirkt hat.

Der Blog Rantgebiet liefert gerade das perfekte Beispiel für diese neue und gesellschaftlich eher problematische Reibungskultur. Dort wird mit dem Holzhammer hantiert, anonym und emotional. Ob die weiterhin festzustellende Zunahme von Aggressionen im Netz dazu führen wird, dass es im realen Leben friedlicher zugeht? Die Kriminalstatistik mag das in manchen Interpretationen stützen, aber wer sich durch die Kommentarspalten und Rants liest, hat eher den Eindruck, dass die Dünnhäutigkeit (auf vielen Seiten) zur allgemeinen Norm avanciert ist.

Unzulänglichkeit

Vielleicht ist das die Tragik des modernen Bloggens: Man spiegelt sich gegenseitig die eigenen Unzulänglichkeiten vor, verpackt in Polemik. Doch am Ende bleibt die Frage, ob diese Reibung vielleicht Wärme erzeugt oder ob sie nur den Verschleiß beschleunigt. Ich für meinen Teil schaue mir das Spektakel an, sortiere meine Etiketten und wundere mich weiter über eine Welt, die weniger an persönlicher Einordnung und Kommentierung als an barschen, verletzenden Reaktionen fixiert bleibt.

Obwohl ich manche Formulierungen im Artikel von Rantgebiet übertrieben finde, hat mir der Gesamttext gefallen. Es kann nicht schaden, innezuhalten und über die eigenen Sichtweisen nachzudenken.

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Source: Vom Erklärbär zum Problembär: Bloggen mit 70+

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