Corona – Wissen und Glauben

Auch dann nämlich, so Mills Argument, wenn die Richtigkeit der eigenen Meinung im eigenen Umfeld ausser Frage steht, ja selbst dann, wenn die fragliche Überzeugung offensichtlich den Tatsachen entspricht, ist es wichtig, sie mit herausfordernden Gegenmeinungen zu konfrontieren. Und dies gleich aus mehreren Gründen. Dogmatisiert man die eigene Meinung, verliert man das Gefühl für deren Schwachstellen. Mehr noch, es entgeht einem der tiefere Sinn dessen, worauf man schwört, sei’s die «bedrohte Heimat», sei’s die «drohende Umvolkung». Es wird ohne Nachdenken geredet – und auch gehandelt. Man bewegt sich dann, geistig unbeweglich und taub für Neues, auf ausgetretenen Pfaden. Erzwingen schliesslich neue Umstände eine Änderung des Kurses, dann ist mit Fehlreaktionen zu rechnen – eine Lehre aller evolutionären Auslöschung, ob natürlich oder kulturell.

Lasst Ideen statt Menschen sterben: die Wahrheiten rund um Corona

NZZ, Peter Strasser ist Universitätsprofessor i. R. Er lehrt an der Karl-Franzens-Universität Graz Philosophie. Zuletzt ist erschienen: «Die Sprengkraft des Humanismus. Ein Beitrag zur Politik der Seele». Karl-Alber-Verlag, 2020.

John Stuart Mill

Wenn in sozialen Krisensituationen die Minimalbedingung der Verständigung zerbricht, dann ist es schwer möglich, eine rationale Politik zu betreiben.